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Marietta kann sich nicht helfen. Wenn sie Alexandra tanzen sieht, wird ihr schlecht. Sehr schlecht. So schlecht, dass sie vor der Tür erstmal eine Zigarette rauchen muss. Dabei macht Alexandra nichts falsch. Nein, im Gegenteil, Alexandra hat immer gut aufgepasst im Kurs. Und seit sie angefangen haben zu tanzen, hat sie alle Übungsabende besucht, die es in der Stadt nur gibt. Schon nach der ersten Stunde des Anfängerkurses ist sie mit zu einer Milonga gegangen. Mit? Ja mit. Mit Stefan und Jens. Mit den Profis. Mit den Profis, die immer alle Figuren perfekt tanzen können. Die immer eine Figur nach der anderen tanzen und nicht einmal auch nur drei normale Schritte hintereinander machen. Die Marietta nie auffordern. Nie. Mit Alexandra dafür von Anfang an getanzt haben, obwohl die doch mit Marietta zusammen begonnen hat zu lernen. Also auch nicht viel mehr konnte. Aber Alexandra, die hat eben einfach Jens und Stefan angequatscht. Sofort. Sofort nach der ersten Stunde des Anfängerkurses. Marietta hatte das peinlich gefunden. Aufdringlich. Distanzlos. Anbiedernd. Etwas, was eigentlich nur die doofen dicken Mädchen mit den pummeligen Beinen, dem unmöglich engen und kurzen Rock unter dem Hüftgold und der schlecht blondierten Frisur machen. Aber Alexandra sieht ja auch noch gut aus. Natürlich sieht sie gut aus. Schlank, langhaarig und noch langbeiniger. Auch noch angenehm schlank, nicht so staksig, dass der Tango zum Storchenmarsch wird. Nein, Alexandra hat natürlich den perfekten Körper. Es gibt einige Tänzerinnen, die super tanzen aber eben nicht die Figur dazu haben. So wie die Schwarzhaarige mit der Hexennase. Kein hübsches Gesicht, der Haaransatz irgendwie eklig hoch. Der Hintern platt, der Bauch dafür dick. Und erst das Outfit! Immer dasselbe. Immer eine schwarze Hose, viel zu eng, viel zu falsch geschnitten für den Hintern. Und dazu diese engen Oberteile. Hauteng über dem Bauchspeck und das Ganze auch noch ohne BH. Tanzt aber immer. Wird immer aufgefordert. Naja, tanzt ja auch wirklich sehr schön. Aber diese Figur, furchtbar! Oder die dicke Rothaarige mit den Kringellocken. Tolle Haare, aber fast schon übergewichtig. Bei den Tänzern trotzdem beliebt. „Die ist leicht wie `ne Feder. Denkt man gar nicht." hat mal einer gesagt. Marietta hat es gehört. Sie hatte daneben gesessen und lieber tanzen wollen anstatt rumsitzen und dem Gerede über die Tanzpaare zuzuhören. Aber es hatte sie ja keiner gefragt. Alexandra, die kommt rein, hängt ihre Jacke auf, zieht die Tanzschuhe an, wackelt damit zur Theke und noch bevor sie ihr Glas Rotwein in der Hand hat, wird sie schon aufgefordert. Die hat sich auch noch die unverschämt heissesten Tangoschuhe gekauft, die in der Stadt je gesehen wurden. Roter Samt. Mit Riemchen. Original aus Buenos Aires. Die Zehennägel immer perfekt lackiert. Und zehn Zentimeter Absätze. Mindestens. Marietta kommt sich in ihren normalen Tangoschuhen dagegen vor wie eine alte Oma. Langweilig und bieder. Und plump irgendwie. Aber ihre Schuhe sitzen wenigstens gut. Das Leder weich und anschmiegsam, die Absätze nicht zu hoch. Wie Alexandra in den Tangoschuhen das Gleichgewicht halten und in der Achse bleiben kann, ist ihr schleierhaft.
Stefan kommt raus und zündet sich eine Zigarette an. Raucht schweigend. Sieht Marietta nicht an. Spricht nicht mit ihr. Hat die linke Hand in der Hosentasche, betrachtet die vorbeirauschenden Autos. Marietta nimmt den letzten Zug, tritt ihre Zigarette aus. Soll sie reingehen? Stefan ansprechen? Noch eine rauchen? Nee, dann hält er sie für depri-exzessiv. Und das will sie nicht. Sie weiss nicht, wen sie besser findet, Stefan oder Jens. Stefan ist cooler, irgendwie. Jens dafür hübscher. Aber beide toll. Und vor allem tolle Tänzer. Profis eben. Sie steht da, weiss nicht, ob sie was sagen soll. Steckt die Hände in die Taschen. Schaut auch den Autos hinterher. Versucht locker zu wirken. Ist doch total normal, auch mal frische Luft zu schnappen. Muss man denn immer rauchen? Kann man doch auch einfach mal vor der Tür stehen, ohne was zu tun. Ohne zu quatschen auch. Aber lieber wäre ihr schon, Stefan würde mit ihr reden. Small-talk. Irgendwas. Egal. Er hat sie noch nie aufgefordert, aber er muss sie trotzdem kennen. Sie ist ja auch immer hier. Sie muss ihm aufgefallen sein. Ausserdem hat Alexandra bestimmt über sie geredet. Mit Stefan. Mit Jens. Mit allen. Warum tanzen die sonst nicht mit ihr? Sie muss dann immer mit Werner tanzen. Mit Werner! Der einen Kopf kleiner ist als sie und Mundgeruch hat. Der ausserdem ohne Pause quatscht auf dem Parkett. Der sie mit seinen Froschaugen anglotzt und sabbert und stinkt und einen Kopf kleiner ist. Mindestens. Wie soll sie da ihre Haltung bewahren? Die äußere und die innere. Wenn Werner sie noch einmal auffordert, sagt sie einfach nein. Sie will nicht mehr mit Werner tanzen. Sie will überhaupt nicht mehr mit den ganzen Anfängern tanzen. Die genausowenig können wie sie oder noch weniger. Die stolz sind, das sie ochos können und dann immer gleich mindestens drei davon hintereinander tanzen. Das ist so peinlich! Das machen nämlich nur Anfänger. Jedesmal schämt sie sich und jedesmal möchte sie demjenigen am liebsten ins Gesicht schreien, dass er sich seinen Stolz und seine Freude über die tollen ochos mal sonswohin stecken soll, weil es einfach nur was für Vollidioten ist, soviele ochos hintereinander zu tanzen.
Stefan wirft seine Zigarette weg, dreht sich um und geht wieder rein. Ohne ein Wort. Ohne einen Blick. Ohne irgendwas.
Marietta zündet sich nun doch noch eine Zigarette an. Sie ist wütend. Enttäuscht und wütend. Ihr Blick fällt auf das Fahrrad von Tom. Die Reifen haben mittlerweile einen Knick. Die untere Hälfte liegt parallel zum Boden. Toms Fahhrrad steht hier seit Wochen. Nachdem er mal einen Abend nur mit der Schwarzhaarigen getanzt hat, hatte er zerstochene Reifen. Seine Freundin war immer schon sehr eifersüchtig. Eigentlich darf Tom nur mit anderen Frauen tanzen, wenn seine Freundin auch jemand zum tanzen hat. Sobald sie sitzt, muss er den Tanz abbrechen und zu ihr gehen. Vor ein paar Wochen hat er das nicht gemacht. Hat einfach weitergetanzt mit der Hexennasigen. Die Gesichtsfarbe seiner Freundin war mit jedem weiteren Lied dunkler geworden. Toms Freunde hatten sie aus Angst vor einer Eskalation abwechselnd aufgefordert, mit ihnen zu tanzen. Aber sie hatte nicht gewollt. War wutschnaubend, hypertonisch sitzengeblieben. Hatte Tom und die Schwarzhaarige fixiert, jede Bewegung verfolgt. Nachdem Tom die Schwarzhaarige einen voleo an seiner Hüfte hoch hatte tanzen lassen, den diese langsam und genußvoll ausgeführt hatte, mit einem Blitzen in den Augen, war Toms Freundin aufgesprungen, hatte ihm vor versammeltem Publikum eine gescheuert, dass es nur so geklatscht hatte und war abgerauscht. Seit diesem Abend stand sein Fahrrad mit luftleeren Reifen am Geländer, denn es hatte ihr wohl nicht gereicht, die Reifen zu zerstechen, sie hatte ausserdem den Schlüssel des Fahrradschlosses in den Gulli geworfen. Erscheint die Schwarzhaarige jetzt auch nur auf der Treppe, greift Toms Freundin- ja, sie ist es immer noch!- ihre Tasche und geht. Tom dackelt dann immer hinterher, vorbei an seinem Rad, dessen Räder jetzt eiförmig verdellt sind.
Marietta stupst den verbogenen Vorderreifen mit ihrer Schuhspitze an. Beginnt, rhytmisch gegen das Rad zu treten. Warum tanzten Stefan und Jens nicht mit ihr? Wenn sie wenigstens mit ihr reden würden. Aber die grüßten ja nicht einmal. Taten so, als ob sie vollkommen uninteressant, fast schon unsichtbar sei. Sie hört auf, gegen das Rad zu treten, als sie Katrin und Julia kommen sieht. Die sind schon lange dabei. Viel länger als sie und Alexandra. Mit den beiden tanzen Jens und Stefan auch immer. Das kann Marietta verzeihen, schließlich sind sie auch Profis. Julia hat sogar eine eigene Tanzschule und Katrin tanzt manchmal Shows mit Stefan. Das weiss Marietta, sie hat die beiden auf dem Stadtfest tanzen sehen. Das hatte ihr so gut gefallen, dass sie erst auf die Idee gekommen war, einen Kurs zu besuchen. Wieso hatte sie Alexandra bloß gefragt, ob sie mit ihr ginge? Wäre sie doch einfach alleine gegangen. Hätte sie doch einfach ihre Hemmung, einen Single-Kurs zu besuchen überwunden und wäre alleine hingegangen. Aber nein, um sich nicht zu blamieren und davor gefeit zu sein, ausschließlich mit dem Dicken mit Hornbrille, den es in jedem Kurs gab, tanzen zu müssen, hatte sie Alexandra mitgenommen. Das war der Fehler gewesen. Der Fehler. Julia und Katrin gehen kichernd an ihr vorbei. Die beiden gackern immer und Marietta weiss auch warum. Ihre Hauptbeschäftigung auf den Milongas besteht immer darin, über alle Tanzpaare zu lästern. Marietta will gar nicht erst wissen, was die beiden über sie so reden. Wenn sie in deren Augen überhaupt wert ist, beurteilt zu werden. Dazu sind die beiden immer perfekt durchgestylt. Da passt die Handtasche zum Gürtel und den Schuhen, das Haargummi zur Bluse, die glitzernde Brosche zur Netzstrumpfhose und die Frisur zur Jahreszeit. Julia reisst die Tür auf, und haut sie beinahe Werner vor die Nase, der gerade raus will und erschrickt, was den Frauen ein weiterer Anlass zu neuerlichem Gegacker ist. Werner lacht mit und ruft über die Schulter, dass sie ihm wohl mindestens einen Tanz für die beinahe gebrochene Nase schulden. Darüber lachen sie auf der Treppe so sehr, dass sie sich aneinander festhalten müssen. Hysterisch kreischend und mit tränenden Augen stolpern sie die Treppe hinauf. Sie versuchen gar nicht erst, ihren Spott und ihre Abscheu vor Werner zu verstecken. Der scheint das entweder nicht zu merken, oder er ist es so gewohnt, abgelehnt zu werden, dass es ihm nichts mehr ausmacht. Wenn Werner durch den Saal tigert, drehen alle Frauen den Kopf weg, damit er ja nicht auf sie zukommt und sie anspricht. Dass hält ihn nicht davon ab, wahl- und maßlos alles aufzufordern, was auch nur eine Sekunde zu spät wegschaut oder sich nicht traut, zum zwanzigsten Mal nein zu sagen. Dieser kleine Mann mit den stämmigen Beinen in der furchtbaren, seitlich geschnürten Lederhose und dem lächerlichen Hut kennt wirklich keine Hemmungen und fordert auch die Profitänzerinnen immer wieder auf, obwohl sich von denen noch nie eine dazu herabgelassen hat, mit ihm zu tanzen. Er zieht seinen Tabak aus der Hinterntasche seiner Lederhose, nimmt ein Blättchen und Tabak, steckt die Packung zwischen die Lippen, um die Hände frei zum drehen zu haben. Dann steckt er den Tabak wieder in die Hose, leckt das Blättchen an, dass Marietta sich wegdrehen muss und zündet seine Zigarette an. „Na, dreh`n wir gleich mal `ne schnelle Runde, wa?“ sagt er zu Marietta „Ist ja moderne Polygamie, der ganze Tango.“ er lacht polternd, haut ihr nach Zustimmung heischend auf die Schulter. Sie sieht ihn an. Ungläubig. Angeekelt. Weiss keine Antwort. Hat keinen Text zu so einem Spruch. Marietta schmeisst die Zigarette auf den Boden. Sie reisst die Tür auf und rennt die Stufen zum Tanzsaal hoch. Sie rempelt aus Versehen ein tanzendes Paar an. Sowieso nur Anfänger. Sie geht zu Stefan. Jens sitzt ja nicht da. Der tanzt natürlich. Mit Alexandra. Mit den roten Samtschuhen und den rotlackierten Nägeln. Marietta holt tief Luft. Sie tippt Stefan an. Er blickt sie erstaunt an. „Kannst Du mir bitte zeigen, wie voleos getanzt werden?“ fragt sie ihn. „Ich möchte ein Gefühl dafür bekommen. Wie das ist, wenn das Bein fliegt. Du kannst das doch, du bist doch Profi.“ Stefan guckt immer noch erstaunt. Auch verwirrt. Er sieht sich um. Jens und Alexandra tanzen gerade barridas, sie lächelt ihn glücklich an. Bei jedem Fußschieber lacht er. Stefan sieht Marietta wieder an. Schlägt sich mit den Händen auf die Oberschenkel. Hebt die Hände. Zuckt mit den Schultern. „Na gut.“ Langsam steht er auf, räuspert sich. Umfasst Marietta. Wiegt sie in den Takt ein. Macht ein paar kleine Schritte. Geht dann los, dreht sie. Ins Kreuz, mit ocho wieder raus. Führt sie um sich herum. Jens und Alexandra kichern hinter ihnen. Marietta kann es hören. Ihre Gesichter muss sie nicht sehen, sie weiss auch so wie sie aussehen. Glücklich unter dem dünnen glänzenden Schweissfilm. Der Alexandra noch attraktiver macht. Erotisch irgendwie, wie leicht erregt. Sie selbst kriegt immer nur rote unvorteilhafte Flecken auf den Wangen. Die Haare platt von der Nässe. Die ganze Frisur ruiniert. Alexandras aus dem Zopf gelöste Strähnen sehen immer verwegen und irgendwie gewollt rausgerutscht aus. Stefan tanzt schnell, sie hat Mühe mitzukommen, muss aufpassen, nicht zu stolpern oder auf seine Füße zu treten. Jetzt. Sie merkt, dass er sie vorsichtig rückwärts dreht. Versucht ihr rechtes Bein locker zu machen. Das Kichern ist jetzt wieder genau hinter ihr. Stefan gibt ihr eigentlich nur einen leichten Schwung. Will sie wohl erstmal das Gefühl für einen voleo austesten lassen. Aber Marietta gibt ihrem Bein selbst noch mehr Schwung. Viel stärker, als Stefan führt, lässt sie ihr Bein nach hinten fliegen. Schmeisst es, tritt zu. Schliesst die Augen dabei. Soll bloß keiner nachher sagen können, dass.... Sie ist vertieft. Vollkommen in den Tanz versunken. Der Mann trägt die Verantwortung über das Geschehen auf der Tanzfläche. Der muss sehen, dass Platz für die Figur ist. Marietta kann spüren, wie herrlich sich ihr spitzer Absatz in das Bein schlägt. In Alexandras Bein. Richtig, gut gemacht. Nicht den armen Jens mitreingezogen. Der kann ja nichts dafür. Alexandra schreit. Alle schauen zu ihr. Auch Marietta, die ihre Augen wieder geöffnet hat. Erschrocken guckt. Fast entsetzt, so weit reisst sie ihre Augen auf. Passt doch, denkt sie, rote Schuhe, roter Lack, rotes Blut!
Das Schleifen der Schuhe auf dem Parkett war schön. Das Stimmgewirr war schön. Die warme satte Luft im Raum war schön. Mit Claudia hier zu sitzen, Wein zu trinken, zu rauchen und den Tänzern zuzusehen war schön. Noch schöner wäre es gewesen, hätte sie selbst tanzen können. Aber bis jetzt hatte sie noch keiner aufgefordert und das fand Martina langsam etwas ärgerlich, denn gerade lief das tolle griechische Lied, auf das sie so gerne tanzte und danach würde bestimmt was von Lhasa, Gotan Project oder sogar ihr Lieblingslied, das Jiddische laufen, und wenn sie aufgefordert würde, lief dann wieder so ein Schleichtango. Naja, wenigstens konnte sie ihre Füße noch ein wenig schonen (die neuen Schuhe waren wirklich schön und soo elegant, aber leider auch eine Nummer zu klein und soo eng) und mit Claudia über die Tänzer tratschen, das machten sie nämlich immer, egal ob Milonga oder Übungsabend war. Als ob Claudia ihre Gedanken gehört hätte, legte diese auch schon los: „Ahh, der Tangogott ist also auch schon da“. Claudia musste ihr nicht erklären, wer der Tangogott war. Sie hatten für die meisten Tänzer Bezeichnungen gefunden, die deren Tanzstil charakterisierten. Der Tangogott war ein älterer Mann, der Bundfaltenhosen und weisse Hemden trug und sich selbst für unwiderstehlich hielt. Leider schwitzte er ziemlich stark, so dass man seine Brust- und Rückenbehaarung sehen konnte, wenn das Hemd nass und durchsichtig geworden war. „Dieses Taschentuch, einfach ekelhaft. Es ist noch nicht mal Mitternacht und sein Schweisstuch tropft schon vor Nässe. Wenn er sich schon immer mit einem Stofftaschentuch den Schweiß wegwischen muss, wieso muss er es dann auch noch am Hosenbund feststecken?“ Sie zog angewidert an ihrer Zigarette. „Er ist so abartig. Kein Wunder, dass nur Anfängerinnen auf ihn reinfallen.“ „Und die machen dann auch noch immer ein Gesicht, als ob er Ihnen gerade zu multiplen Orgasmen verhelfen würde. Ohh, schau mal, Sie ist dafür aber einfach wieder atemberaubend!“ Martina zeigte auf eine ihrer Lieblingstänzerinnen. Äußerlich war diese eher unscheinbar, aber ihre Bewegungen waren weich und fließend, sie konnte sich den Männern um den Hals hängen, ohne auch nur das geringste bißchen an Gleichgewicht zu verlieren. Ein bißchen Neid klang in Claudias Stimme mit, als sie Martina antwortete, denn im Gegensatz zu der tollen Tänzerin konnte Claudia nie eng tanzen, ohne dass es holprig und stümperhaft aussah. „Ja stimmt. Deren Haltung möchte ich mal haben. Immer total in ihrer Achse. Ach, da drüben ist ja wieder unser Freund, der Wahnsinnige. Mein Gott, wie der wieder guckt!“ Sie zeigte auf einen kleinen dicken Mann mit stark hervorstehenden Augen. „Bei den Glubschaugen könnte man wirklich meinen, er ist verrückt. Du, wie komisch der die Frauen mit der Schulter schiebt, und dann diese Handhaltung, nee wirklich nicht schön!“ Der dicke Mann mit dem starren Blick tanzte an ihnen vorbei, dafür tauchte Anna, eine sehr schöne blonde Frau mit einem fremden Mann in ihrem Blickfeld auf. Anna musste neue Tanzschuhe haben, denn hätte sie diese Dinger vorher schon einmal getragen, wäre es ihnen bestimmt nicht entgangen. Vor Schreck vergaßen sie beide sogar, an ihren Zigaretten zu ziehen. „Was ist das denn!!?? Oh mein Gott, wie kann Anna auf den Absätzen bloß tanzen?“ Jetzt zogen sie doch an ihren Zigaretten, beide gleichzeitig mit synchronen Handbewegungen, beide tief inhalierend, beide ohne den Blick von Annas Schuhen zu nehmen. „Ich glaubs nicht! Rot und glitzernd, das ist ja wohl der Ferrari unter den Tanzschuhen! Dafür muss Anna einen Waffenschein beantragen, sowas ist ja gemeingefährlich! Auf den Streichhölzern könnte ich nicht mal stehen.“ „Nee, ich auch nicht, aber Anna ist Polin, die haben mit sowas nie Probleme. Und die Männer stehen echt drauf.“ Das war ja das Problem: Frauen wie Anna wurden immer, immer!, zum Tanzen aufgefordert, während sie und Claudia meist nur von den Männern, die den Kurs mit ihnen machten, gefragt wurden, ob sie tanzen wollten. Nun gut, sie war vielleicht nicht die schlankeste, Claudia hatte mit der letzten Tönung etwas sehr danebengegriffen, und mehr als einen Anfängerkurs hatten sie noch nicht absolviert, aber das hiess noch lange nicht, dass sie nicht auch den ganzen Abend mit den besten Tänzern tanzen wollten. Anscheinend hatten die aber nicht das geringste Interesse daran. Hatten sie allerdings auch schon nicht gehabt, als Claudias Haarfarbe noch vertretbar gewesen war. Das war irgendwie frustrierend. „Die Männer stehen immer auf Polinnen, da kannste nix machen, ist wie beim Pawlowschen Hund, hängt gleich die Zunge raus!“ „Und wer ist der mit dem sie da tanzt?“ AnnasTanzpartner war ein älterer aber gutaussehender und gut gekleideter Mann. „Keine Ahnung noch nie gesehen, sieht aus, als ob er Knete hätte, oder warum hat der sonst Anzug und Krawatte an?“ So ein Aufzug war hier eher ungewöhnlich. Die Leipziger hatten viele gute Tänzer, aber was die Kleiderfrage anging, war man eher unbesorgt. Wichtig war, wie man tanzte, nicht, welche Hosen man dazu trug. „ Anzug geht ja noch, aber Krawatte abends muss echt nicht sein. Naja, da haben wir`s wieder, Klischee trifft Klischee: blonde Polin auf roten High-heels und der ältere Mann mit Geld!“ Bevor Martina, Claudia zustimmend, noch auf Maik, ihren Favoriten und seinen lustigen Beineinschlag aufmerksam machen konnte, betraten drei Männer den Saal, die sich offensichtlich verlaufen hatten, denn erstens sahen sie wie Russenschläger, und die hatten den Tango bis jetzt eigentlich noch nicht für sich entdeckt, und zweitens sehr irritiert, wenn dadurch auch nicht gerade weniger aggressiv aus. Sie trugen Lederjacken und Wollmützen, die sie so hochgerollt hatten, dass sie über den freirasierten Ohren endeten, standen breitbreinig im Eingangsbereich und wirkten so fehlplatziert, dass alle, die nicht tanzten, zu ihnen rübersahen. Einer von ihnen löste sich aus der Rotte seiner Mitrussenbrüder und ging zur Theke, ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen. Seinen Brustkorb an die Kante der Theke lehnend, als wolle er der Bedienung gleich ins Gesicht springen, schlug er laut mit den aus den Hosentaschen befreiten Handflächen auf das Holz. Das Thekenmädchen war verunsichert und versuchte Louis, den Besitzer des Tangoschuppens in der tanzenden Menge ausfindig zu machen, damit sie ihn herwinken konnte. Aber Louis war nicht da, weder unter den Tanzpaaren, noch hinter der Anlage, noch an irgendeinem der kleinen runden Tische, noch auf einem der roten Plüschsofas. Also blickte sie dem Mann, der jetzt schon ungeduldiger auf die Theke klopfte, ängstlich ins Gesicht und fragte ihn, was er wolle. Seine Kollegen standen weiterhin breitbeinig im Eingangsbereich und machten nicht einmal Platz, als der schicke Mann, mit dem Anna eben noch getanzt hatte, an ihnen vorbei zur Toilette gehen wollte. Er musste sich zwischen ihnen und der Wand durchquetschen, was ihn ärgerlich blicken und seine Anzugjacke staubige Abdrücke bekommen liess.
„ Anna? Wo ist Anna?“ fragte der Russe das Thekenmädchen. Seine Stimme war laut, trotz der Musik konnte man seine Frage im ganzen Saal hören. Das Kinn hatte er vorgeschoben, die Mundwinkel nach unten gezogen, die Augen zusammen-gekniffen. Alles an ihm wirkte bedrohlich brutal. „Anna?“ fragte das Mädchen und sah ihn noch hilfloser als zuvor an, während ihr Blick gleichzeitig nach Anna suchend durch den Saal flackerte. Alle sahen nun zu Anna, die wohl als einzige nicht mitbekommen hatte, dass ihr Name gefallen war. Sie stand an der linken der drei Säulen und schien völlig in Gedanken versunken zu sein, hob dann aber den Blick, weil ausser der Musik nichts mehr zu hören war. Keine Schleifgeräusche der Schuhe auf dem Parkett, denn niemand tanzte mehr. Die Tänzer waren in ihren Posen, in ihren Figuren, in ihren Umarmungen erstarrt und sahen zwischen Anna und dem Russen hin- und her, so dass sie aussahen, wie mechanische Blechfiguren, die nur ruckartig den Kopf bewegen konnten. Kein Stimmgewirr mehr, denn niemand wagte etwas zu sagen, kein Gläserklirren, kein Lachen. Nur das jiddische Lied, auf das Martina so gerne getanzt hätte. In der Stille wirkte es blechern und viel zu laut. Fast schon grell und durch seine momentane Nutzlosigkeit irgendwie obszön und traurig zugleich. Martina spürte, wie sie das Lied, das sie eigentlich so liebte, deprimiert machte und sie dachte, dass alles jüdische immer diese große Trauer in sich trug. Anna sah also auf und blickte in die Gesichter der Tangotänzer, die Russen sah sie nicht, denn die wurden von den Tanzpaaren verdeckt. Weil sie nicht wusste, warum alle sie ansahen, erschrak sie sehr, sie wurde blaß und dann rot, sah an sich hinab, ob vielleicht die Knöpfe ihrer Bluse aufgesprungen waren. Diese steckten aber ganz manierlich in ihren Knopflöchern, und da erschrak Anna noch mehr, denn sie hatte ihre Tage und dachte nun, ihre weisse Hose habe vielleicht einen Blutfleck. Sie traute sich aber nicht, sich zu bücken und nachzusehen, denn das tat man nicht, selbst wenn einem ein solches Malheur wirklich passiert war. Fieberhaft überlegend, ob sie wohl vergessen hatte, einen Tampon zu benutzen, löste sie sich von der Säule und ging, weiterhin abwechselnd rot und blaß, an den Tänzern vorbei. Sie merkte sehr wohl, dass alle ihr mit Blicken folgten, der schwingende Rhythmus des jiddischen Tangos erschien ihr wie ein Marsch und eine Sekunde lang sah sie sich einfach durch die Leute tanzen und ihnen die Zunge rausstrecken. Sie wurde wütend, wütend auf diese ganzen Menschen, die sie anglotzen, nur weil ihr mal ein Unglück geschehen war. Das konnte doch jeder Frau einmal passieren, meine Güte, sie waren erwachsen, was sollte das Gegaffe, warum hatte ihr nicht einfach eine der Frauen unauffällig sagen können, dass sie einen roten Fleck zwischen den Beinen hatte? Sie würde die Hose in die Reinigung bringen müssen, nein das war peinlich, sie würde die Hose einfach wegschmeissen, die war zwar neu, aber sie würde sich einfach die selbe Hose nochmal kaufen. Nein, das würde sie doch nicht tun, denn jedesmal, wenn sie einen der Tänzer treffen würde, würde der ihr nur zwischen die Beine gucken, ob man noch Spuren des Unglücks sehen konnte. Sie wollte hier nur noch raus, raus aus der stummen glotzäugigen Meute von Intriganten und Senstationsgierigen, doch ein paar Schlägertypen versperrten ihr den Weg zu den Toiletten.
Ob er sich den Teller nochmal vollladen sollte? Vielleicht nur noch etwas Obst? Bevor er sich aber dazu durchdringen konnte, zum Buffet zu gehen, klingelte sein Handy. Er sah, dass es König war und wusste, dass das Frühstück vorbei war. Noch bevor Frank Huber seinen Namen sagen konnte, brüllte König in sein Ohr: „Huber, wo bist Du? Wer redet da im Hintergrund?“ „Im Volkshaus. Und schrei nicht so! “ König sprach aber nicht leiser, im Gegenteil, er wurde sogar noch lauter als zuvor: „Wie, fängst Du jetzt etwa schon morgens an zu saufen?“ „König, ich frühstücke, ja!“ Dieser Mann war doch einfach unglaublich. Unglaublich und unverschämt. Unglaublich unverschämt sozusagen. „Und wieso sitzt du dann im Volkshaus?“ Huber winkte der Kellnerin, die hinter der Theke stand und rauchte. Warum Leute schon morgens rauchen mussten, hatte er noch nie verstanden. Er wollte das Bezahlmanöver vom Abend zuvor, mit dem er sich in der Luise so blamiert hatte, nicht wiederholen, deshalb klemmte er das Telefon zwischen Ohr und Schulter, um die Hände frei zu haben, während er König den Grund seines Aufenthaltes Im Volkshaus zu erklären versuchte: „Weil ich es satt habe, jeden Morgen mit mir alleine am Tisch zu sitzen und die Wand anzustarren. Hier sitz` ich zwar auch mit mir alleine am Tisch, aber die Wand ist wenigstens schön gemodelt, um mich rum sind Leute, die reden und die Kellnerin ist nett zu mir und hübsch, wenn sie auch bestimmt lesbisch ist. Und Turnschuhe trägt sie auch. Naja, besser Turnschuhe als Tanzschuhe.“ Besagte Kellnerin bequemte sich nun auch endlich, sich auf ihren sportbeschuhten Füßen mit der Rechnung in der Hand seinem Tisch zu nähern. König schrie ihm weiter ins Ohr: „Genau, da wären wir. Bei den Tanzschuhen. Ich hol` Dich ab, und dann knüpfen wir uns den Tanzlehrer nochmal vor.“ Und bevor Huber antworten konnte, hatte König schon aufgelegt. `Dann knüpfen wir uns den Tanzlehrer nochmal vor`! Das war ja mal wieder typisch König. Dieser Mann lebte etwas mehr als zu sehr in der Fernseh-Krimi-Welt. Königs Dramatik war ihm so peinlich, dass er rot wurde, obwohl er natürlich wusste, dass ausser ihm niemand diese Äußerung gehört hatte. Er reichte der Kellnerin das Geld ohne sie anzusehen, war sich aber bewußt, dass sie seine Verlegenheit auf sich beziehen musste, was ihn nur noch unsicherer machte. Nicht mal die Tatsache, dass er sie für lesbisch hielt, half ihm da. Er beschloß, als Mittel gegen seinen heissen Kopf, draussen auf König zu warten, auch wenn er fand, dass wartende Männer am Strassenrand immer nach Zeitarbeit oder krummen Geschäften aussahen. Also schlenderte er ein wenig am Bioladen vorbei, las die ausgehängten Zettel und Werbeplakate: Yoga für Schwangere und ADS-Kinder (Aha, wenn es bei den Müttern nicht gewirkt hatte, mussten die Kinder dran glauben!), Mitbewohner für WG mit energiegereinigten Zimmern- alle naturlasiert- von Veganercommunity gesucht. Ruf Rudi an! (Ruf Rudi an- das zerging auf der Zunge wie Öko-Eiscreme mit extra großen Nussstücken!). Huber unterdrückte sein Lachen, wurde dann aber schlagartig ernst und drehte sich ab, als er das Plakat für einen Tango-Argentino-Anfänger-Workshop erblickte, denn erstens verursachte alles was mit diesem Tanz zusammenhing, eine latente aber sehr präsente Aggression in ihm, und zweitens wollte er nicht länger vor dem Bioladen stehen, sonst hielt man ihn noch für einen linksradikalen Müsli-Man. Der Anblick von Bio erinnerte ihn zudem an Luises neue Idee des bewußten Lebens, die seiner Meinung nach für ihre Entzweiung verantwortlich war. Da ging er lieber ein paar Schritte weiter zum Videoladen, denn was es da gab, war etwas, was ein Mann sich ohne Gefahr für sein Gefühlsleben anschauen konnte. Aber dann kam er doch nicht mehr dazu, sich den Videoladen in Ruhe von aussen anzugucken, denn König kam angebraust, bremste filmreif vor dem Volkshaus, um dann den Rückwärtsgang einzulegen und mit quietschenden Reifen bis zur Videothek und dem davor stehenden Kommissar zurückzusetzten und diesem mit Schwung die Beifahrertür von innen aufzuhalten. Huber beeilte sich einzusteigen, denn er wollte nicht, dass ihn mehr Menschen als nötig in dieser von König forcierten Situation sahen, der hatte immerhin die Aufmerksamkeit aller auf beiden Strassenseiten Anwesenden auf sich gezogen. Um dem ganzen den nötigen Endschliff zu geben, drehte er nun auch mit weiterhin qualmendem Gummi auf dem Asphalt, legte dabei fast eine Oma um, die die Strasse überqueren wollte, wozu sie auch jedes Recht hatte, denn die Fußgängerampel, die sie für diese Aktion gewählt hatte, war grün gewesen, was König nicht davon abhielt, trotzdem zu fahren. „Du hattest Rot, Mann!“ schrie Huber seinen Kollegen an, während er sich vom hohen Tempo in den Sitz gepresst sah. „Macht nix, wir sind im Einsatz.“ gab König seelenruhig zurück, was Huber in einen Zustand versetzte, der mit Wut nicht mehr zu betiteln war. „König, wir wollen den Tangofritzen befragen, dazu muss man weder rasen, noch Leipzigs Altbevölkerung umnieten!“. Der aber liess in seiner für ihn so überaus wichtig genommenen Berufsidee kein bißchen verunsichern und meinte mit einem mitleidigen Blick auf Huber: „Einsatz ist Einsatz.“ Frank Huber war wütend, aber er wusste, dass Wut auf König verschwendete Energie war, denn dessen Selbstgerechtigkeit war dicker und stabiler als jede Wand. Also entschied er sich zu schweigen. Das hielt er bis zum Tröndlingring durch, dann fragte er den konzentriert rasenden König, ob der Besitzer des Tangoschuppens um diese Uhrzeit überhaupt dort anzutreffen sei. „Klar,“ sagte König, „hab ihn gleich gestern für heute zehn bestellt. Ortstermin und so.“ „Aber jetzt ist es halb zwölf!“ „Ja, der soll mal nicht meinen, dass wir nicht auch noch wichtigeres zu tun haben!“ Was sollte man da noch sagen? Besser man hielt die Klappe, knallte dafür die Autotür einmal extralaut, nachdem man in der Nordstrasse angekommen war, ging ohne auf König zu warten in den Tangoschuppen, wo man aber am liebsten gleich wieder rausgerannt wäre, denn Louis, der Besitzer tanzte vor der Spiegelwand mit sich selbst, allerdings so, als hielte er eine Frau in den Armen. Das war mehr als ein Mann von Hubers Kaliber an schlechten Tagen verkraften konnte. Aber wie hatte König, der gerade hinter ihm den Saal betrat, so schön gesagt? `Einsatz ist Einsatz.`. Also atmete Huber tief durch, überliess es aber König, den Mann aus seinem peinlichen Geschwofe zu reissen, und die Ereignisse des Vorabends noch einmal abzufragen. Der ging dazu über, Louis zu fragen, ob er sich daran erinnern könne, was an den Tischen und an der Bar so gesprochen wurde (König sah wohl lauter pomadisierte Mafiosi-Verschnitte mit bleistiftdünnen Oberlippenbärtchen, Zigarren, schiefen Hüten und Miezen in 20er-Jahre-Kleidern im Arm vor sich). Aber Louis konnte sich an nichts auffälliges erinnern, weshalb Huber ihn fragte: „Und was wurde auf der Tanzfläche so besprochen? Können Sie sich da an was Interessantes erinnern?“ Louis sah ihn erstaunt an und entschied sich dafür, Geduld mit dem Ermittler zu haben, der offensichtlich nicht die geringste Ahnung von Tango hatte. „Beim Tanzen wird nicht geredet.“ sagte er zu Huber und packte die Säule, die die Mitte der Tanzfläche markierte. Um die Säule hatte das Parkett noch seine ursprüngliche Farbe. Sonst war es eher grau und zerkratzt, hier aber noch glatt und braun. „Tango- das ist vor allem Konzentration.“ Louis liess die Säule wieder los und schnappte sich Huber, „Man muss die eigene Achse finden.“ er strich an Hubers Wirbelsäule entlang, richtete dessen Schultern gerade, „In der Achse bleiben. Das Gleichgewicht halten.“ er stiess Huber leicht nach hinten, fing ihn aber mit der anderen Hand wieder auf und hob dann mit beiden Händen Hubers Brustkorb in die Höhe „Und mindestens fünf Zentimeter aus der Alltagsgröße wachsen.“ „Jaja, ist ja schon gut, Mann!“ Huber schlug die Hände des Tangolehrers von seinem Körper und rückte ein Stück von ihm weg. „Also kein Gequatsche auf der Tanzfläche?“ „Nein, kein Gequatsche auf der Tanzfläche.“ Huber betrachtete den Tanzlehrer kritisch, fast schon bösartig. Louis!, musste dieser Windhund auch noch Louis heissen! Louis und Luise, da hatte er ihr bestimmt einen von Paul und Paula, von Leonce und Lena ins Ohr gequatscht und schwupps, noch mal schnell an ihrer Achse herumgedrückt, bevor er sie ganz aus dem Gleichgewicht und in sein Bett geworfen hatte. Huber konnte sich nur zu deutlich vorstellen, wie die Frauen auf das Gequatsche und Geturne dieses Albergockels, dieses schmierigen Möchtegern-Casanovas hereinfielen. Von wegen schön in der Achse bleiben, Haha!
Zwölf Löcher senkrecht in jeder Reihe, mal zehn Reihen, machte schon mal hundertzwanzig. Plus die zusätzlichen Reihen links und rechts, machte... naja, machte auf jeden Fall eine ganze Menge Lagerplatz für Weinflaschen. Die Frage war nur, ob es alles unterschiedliche Sorten waren oder ob es nur drei, vier Sorten Wein gab und davon dann aber immer genügend Vorrat. Außerdem waren ja gar nicht alle Fächer voller Flaschen.
So weit war es also schon. Da saß er hier freitags abends inmitten junger affektierter Leute in einer Kneipe an der Theke, trank Bier und zählte die Anzahl der Löcher im Weinregal hinter der Theke. Was machten die ganzen jungen Leute hier überhaupt, und warum hatten sie alle dieselbe Frisur? Die Mädchen lang mit schiefem Pony, und die Jungs hochgestellt mit Gel, aber nicht so wie die Gruftis, die im Frühling die Stadt überfielen, sondern irgendwie spießig. Frank Huber passte hier nicht rein mit seiner ausgebeulten Jeans und dem Strickpulli. Es war ja auch nur die Verzweiflung gewesen, die ihn hierher getrieben hatte. Matthias war mit seiner Freundin unterwegs, und er hatte sich einsam gefühlt, zuhause, alleine. Er hatte über sich und Luise nachdenken wollen, aber in der kleinen Küche waren ihm die Gedanken so laut erschienen, da hatte er gedacht, er könne auch hier hingehen, und die innere Lautstärke mit Hilfe von Bier, Musik und Gequatsche von anderen Menschen übertönen. Nachdenken war schließlich nachdenken. In einer Kneipe war man wenigstens nicht alleine. Kurz nachdem er angekommen war, hatte er gemerkt, dass er am liebsten gar nicht nachdenken wollte, denn nach dem ersten Bier und dem Aufschnappen der blödsinnigen hirnlosen Gespräche, die die jungen Leute um ihn herum führten, war er plötzlich wütend geworden. Wütend, dass sie ausgezogen war, und ihn somit zwang zwischen diesen ganzen albernen Lackaffen zu sitzen, die alle einen auf dicke Freundschaft und erfolgreich machten, sich aber ohne ihre Handys und ihr Haargel nackt und hilflos fühlen würden. Er war froh, dass Matthias nicht in solche Kneipen mit solchen Leuten ging. Obwohl ihm die Einrichtung wirklich gefiel. Frank Huber fand das Café schön. Ihm gefiel, dass die Wände weiss und rot und grün waren. Und dunkle Holzstühle hatte er immer gemocht. Dielen sowieso. Vielleicht sollte man besser nur tagsüber herkommen und gemütlich einen Kaffee trinken, dachte er.
Er trank sein Bier aus und überlegte ob er noch eins trinken sollte, oder ob er seinen Ärger genügend besänftigt hätte. Die Mädchen neben ihm gackerten laut. Er fand, dass sie viel zu kurze Hemden für ihren Bauchspeck anhatten, konnten die sich denn dann nicht wenigstens die Hosen hochziehen? Ob Madeleine und Doreen auch so rumliefen? Letztes Mal, als sie ihn besucht hatten, hatten sie eigentlich ganz normal ausgesehen. Hübsch jedenfalls, fand er. Aber das dachte man bei seinen eigenen Kindern ja immer. Obwohl er nicht wusste, ob die Eltern von Punkern ihre Kinder auch noch schön fanden. Das war ja mal eine Ermittlung wert. Als er gerade überlegte, wen er da wohl fragen könnte, wessen Kind seiner Freunde oder Kollegen, Punker war oder zumindest mal gewesen war, klingelte sein Handy. Er sah, dass es König war, und wenn es König war, dann war der private Teil seines Abends wohl vorüber.
„Wo bist Du?“ schrie König in Hubers Ohr, dass der glaubte, alle gegelten Aufsteiger um ihn herum könnten mithören. Deshalb drehte er sich etwas ab, und antwortete relativ leise: „In der Luise.“
„Mann, so genau wollt` ich`s auch nicht wissen.“ tönte König, nicht weniger laut als zuvor. Huber hasste König augenblicklich wieder. Er hasste seinen Kollegen immer mal ab und zu, auch wenn sie gut zusammenarbeiten konnten. Aber er mochte dessen ordinäre Art einfach nicht. Wie schaffte dieser Mann es bloß, aus jedem stinknormalen Satz eine Obszönität herauszuhören? Jetzt musste Huber sich zusammenreissen, nicht gleich selbst genau so laut zu antworten.
„ Das ist eine Kneipe, Mann! Du weißt genau, dass Luise ausgezogen ist, also komm mir nicht mit deinen blöden Teeniewitzen!“
„Ist ja schon gut, Du musst kommen. Wir haben eine Leiche.“ Zusätzlich zur Vulgarität beherrschte König die Kunst, so zu reden, als seien sie Kommissare im Tatort. Niemand sagte jemals so wie König `Wir haben `ne Leiche`. Er musste alles dramatisieren, alles. Huber fragte sich, wie Erika das nur aushielt, aber darüber musste er wohl später nachdenken. Er winkte der Kellnerin, um zu zahlen und rutschte vom Barhocker.
„ Oh Mann, ausgerechnet heute. Na gut, ich steig in die Bahn.“ sagte er, während er versuchte mit der feien Hand sein Portemonnaie aus der Hosentasche zu ziehen.
König polterte wieder los: „ In die Bahn, bist Du bekloppt? Das dauert viel zu lange, nimm Dir`n Taxi. Mensch Huber, wann kriegst Du denn endlich Deinen Führerschein wieder?“
Das reicht Huber jetzt wirklich. Nicht, dass König ihn nur nervte, in die Wunde seiner Krise mit Luise schlug, jetzt musste er sich auch noch über seine Führerscheinlosigkeit lustig machen. Ausserdem konnte er mit einer Hand das Geld nur schlecht aus dem Portemmonnaie holen, weshalb die Kellnerin schon ungeduldig mit dem Kinn wippte und ihm vor lauter Hektik Münzen auf den Boden kullerten. Er musste zwischen den Beinen der Jungaufsteiger herumkriechen, das war peinlich genug, da konnte er jetzt auch mal lauter werden. Krabbelnd und Münzen sammelnd, fuhr er nun König an: „Ey, komm mir nicht so, ja?! Kommissare brauchen keinen Führerschein, das ist überflüssiger Luxus. Guck Dir doch mal die ganzen klassischen Ermittler an, ja: Dieser Hercule Pierrot, der da immer vom Ustinov gespielt wird, den hab` ich niemals auch nur selber fahren sehen. Und Wallander, ja, dieser Schwede, der hatte seinen auch weg. Und denk an Brunetti, dessen Bücher Luise mir wochenlang vorgezogen hat, mit dem sie mich quasi betrogen hat, weil der überall mit hin musste, selbst beim Zähneputzen hat die den nicht mal aus der Hand gelegt. Und dann hat der ihr auch noch diesen Floh vom `savoir vivre` ins Ohr gesetzt und wozu das geführt hat, wissen wir ja. Auf jeden Fall, hat der gar keinen Führerschein, niemals gemacht, verstehste?“
Er stand wieder auf, steckte die Münzen lose in die Tasche, griff seinen Geldbeutel und die Jacke und ging aus dem Café. König merkte wohl, dass er zu weit gegangen war, denn wenn er auch nichts beschwichtigendes sagte, so war wenigstens sein Ton netter. „Huber, der eine heisst Poirot, der Wallander hat seinen wiederbekommen und Brunetti lebt in Venedig, da fährt niemand Auto. Aber Du bist in Leipzig und die LVB ist nicht gerade dafür bekannt, nachts häufig zu fahren!“
Huber stand jetzt draussen, zog die Jacke über den freien Arm und drehte sich Richtung Käthe-Kollwitz-Strasse. Er wechselte das Handy in die andere Hand, um die Jacke ganz anzuziehen. „ Schon gut, wo seid ihr?“
„Im Tangoschuppen, hinter dem alten Interconti. Nordstrasse.“
Nicht auch das noch! Musste es ausgerechnet ein Tangoladen sein? Heute blieb ihm wohl gar nichts erspart. Gleich würde er beginnen, sich selbst zu bemitleiden, er spürte schon wie das Selbstmitleid sich hinterrücks anschlich. Aber um dagegen anzugehen half zum Glück immer noch Zynismus oder Sarkasmus und da die Nacht noch lang werden konnte, musste er sich nun also dieser Hilfsmittel bedienen: „ Müssen die sich jetzt auch noch ermorden? Reicht es denen nicht, dass sie ganz Sachsen mit ihrer Tangomanie ersticken? Wie heisst der Tangoschuppen?“
„Na Tangoschuppen, Huber, der Laden heisst Tangoschuppen. Und noch was, Huber: es ist ziemlich ekelhaft. Also Pölke und Andersen haben sich beide übergeben.“
Das erstaunte ihn aber nun doch: „ Andersen kann ich ja noch verstehen, was hat der da überhaupt zu suchen, der ist doch viel zu jung, der soll mal lieber schön Streife fahren, aber Pölke? Der ist doch vom alten Eisen!“ Er kam jetzt an der Ecke der Gottschedstrasse an und winkte einem Taxi.
„Naja, Andersen war ja auf Streife, mit Pölke, die waren eben gleich umme Ecke am Zoo, gucken ob bei den Mädels alles okay ist, als der Funkruf kam.“
Huber stieg ein und bedeutete dem Fahrer loszufahren, gleichzeitig sagte er genervt zu König: „ Lass mich raten, die Möchtegern-Argentinier haben Messer benutzt, um selbst als Mörder noch südamerikanisch zu wirken, oder was?“ Der Taxifahrer sah ihn kritisch, von der Seite an. Huber hielt eine Hand vor sein Handy und sagte ihm, dass er in die Nordstrasse wolle. Anscheinend hatte er nichts von Königs Aussage verpasst, denn als Huber das Telefon wieder an sein Ohr hielt, sagte der gerade: „Naja, blutig ist es schon, aber keine Messer, Huber.“ Da war er wieder, dieser dramatisch-geheimnisvolle König- O-Ton, der ihn so nervte. „Ja, was denn dann, Mann?!“
„Also, die Tatwaffe ist ein Schuh.“ Dramatik hin oder her, aber was sollte der Quatsch jetzt schon wieder? „Ein Schuh, willste mich jetzt verarschen, oder was?!“
„Nee, nee, is schon gut, Huber. Also es ist echt ekelhaft, aber sie wurde mit dem Absatz eines Tanzschuhs erschlagen. Er steckt quasi noch halb im Kopf.“
Das war das komischste und abartigste was Huber in seiner Karrierre je gehört hatte und deshalb sagte er nicht mehr als: „Oh Gott!“
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